Birte Kleine-Benne – 6 JUNI – Act, not represent.

Zum letzten Mal in diesem Semester:

Birte Kleine-Benne
Act, not represent.

Vortrag am 6.6.2013 um 18 Uhr in der HFBK (R213a/b)

When is political art political?
Why is political art political?
When is political art not political?
Which art is not political?
Is the art in the Royal Academy political?
Who is the most political artist in this political art exhibition?
Who is the most political artist of all time?
Aus: Gustav Metzger, Newsweek, Sept. 23, 1974, S. 11.

 

Ende 2011 zeigt der brasilianische Künstler Antonio Manuel in der New Yorker Americas Society seine erste Einzelausstellung in USA, überschrieben mit „I Want To Act, Not Represent!“. Der Titel der Ausstellung zitiert den Kunstkritiker Ronaldo Brito, der die Programmatik Manuels erster Soloshow 1966 in Rio de Janeiro pointierte: „I don’t want to represent, I want to Act.“ Während Manuel 1966 wie auch 2011 für den vielversprechenden, ja geradezu paradigmatischen Titel eher paradoxe White-Cube-kompatible Zweidimensionalitäten präsentiert, gehen einige seiner lateinamerikanischen Kollegen in den sechziger und siebziger Jahren eine produktive Verbindung mit polit-ökonomischen Diskursen ein und nehmen aktiv an sozialen Bewegungen und politischen Revolten teil (z. B. Tucumán Arde, 1968). Auch in Europa werden Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre kultur und gesellschaftskritische Experimente unternommen, die über wahrnehmungsorientierte und formale Untersuchungen hinausgehen und empirische, pragmatische und systemische Aspekte betonen, etwa 1974 das Ausstellungsprojekt „Art into Society, Society into Art“ am Institute of Contemporary Arts in London unter Leitung von Christos M. Joachimides, an dem u. a. Joseph Beuys, Hans Haacke und Gustav Metzger teilnehmen. Beuys hatte zu diesem Zeitpunkt schon die Deutsche Studentenpartei (1967) und die Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung (1971) mitgegründet und sich statt als „katalogisierender Büroangestellter“ (Buchloh nach LeWitt über angloamerikanische
Konzeptkünstler) als „Kodierer“ und „Organisator“ (Ramírez), vielleicht auch als Hacker von
Bedeutung ausprobiert.
Dieser nur kurze kunsthistorische Anriss soll als Impuls und als Indiz dienen, dass zur prononcierten Frage der Hamburger Veranstaltungsreihe 2012/2013 „Wer spricht und wer handelt?“ erste Untersuchungen und auch Untersuchungsergebnisse in der Kunst und durch die Kunst vorliegen könnten, dass hier in den letzten Jahrzehnten in heterogenen Formen der Entstehung, Erscheinung und Etablierung konzeptualisiert, kontextualisiert und institutionskritisiert wurde – und noch immer wird, dass auch in der ästhetischen und politischen Theorie die gesellschaftliche Verortung von Kunst problematisiert, Handlungskompetenzen thematisiert und Ideologien dekonstruiert wurden – und noch immer werden. Im Zusammenspiel künstlerischer Fallbeispiele aus jüngerer Vergangenheit und Gegenwart mit Hinweisen aus der Kunstgeschichte, Kunsttheorie, Ästhetik und politischen Theorie soll mein Vortrag diese Einzelindizien zusammenführen und in einem nächsten logischen Schritt die potentiellen Folgen für die Curricula an Kunsthochschulen und Universitäten aufwerfen – sofern die operativen Aspekte künstlerischer Praktiken eingeschlossen werden, bei denen es sich statt um Gemälde, Skulpturen oder Installationen um Operationen und Dispositive handelt, „die sich mit Existenzstrategien verschachteln“ (Bourriaud), die statt auf Oberflächen im Maschinenraum stattfinden, die in gesellschaftliche Protokolle eingreifen, prozessuntersuchend und prozessgestaltend,
unvorhersagbar, risikoreich und undiszipliniert sind bzw. sein werden.

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