Gitte Bohr

Vortrag am 23.11.12 von Gitte Bohr – Club für Kunst und politisches Denken, Berlin

Kunst, Kritik, Stadtpolitik

 

Vortragsskript

Stadtoberfläche und Projekträume

In Berlin hat sich, aufgrund der besonderen Situation vor, und verstärkt nach dem Fall der Mauer, eine Kultur von Künstlerinitiativen entwickelt, die qualitativ und quantitativ einzigartig ist. Vor dem Fall der Mauer verteilte sich das Spektrum selbstorganisierter Kunsträume in die West Berliner Bezirke Schöneberg und das zu damaliger Zeit noch in Randlage befindliche Kreuzberg für die westlichen Sektoren. Jenseits der Mauer war es vor allem der ostberliner Bezirk Prenzlauer Berg, der in seinen stillen Besetzungen, Alternativgalerien und Wohnzimmerausstellungen eine dissidentische Künstlerszene beherbergte. Die dissidentische bzw. alternative Rolle gilt übrigens für beide Szenen, obwohl in unterschiedlichen Staaten und politischen Systemen beheimatet:
In Ost-Berlin, ein totalitärer Spitzelstaat, der zunehmend an Kontrolle über die maanigfaltigen alternativen Szenen in der DDR verlor. Am Prenzlauer Berg konzentrierte sich eine Künstler- Poeten- und Punkszene in den verfallenen Altbauten, die geschickt die Handlungsspielräume dehnte und die staatlichen Kontrollorgane verwirrte. In Westberlin fand man eine konservative, extrem antikommunistische Gesellschaft, regiert von einer Zehlendorf/ Wilmersdorfer High Society Clique, welche die Randlagen entlang des Mauerstreifens verfallen ließ. Hier herrschten teilweise Slum-ähnliche Zustände, in denen man aber für wenig Geld, zwischen Dönerbuden und Hinterhofsmoscheen noch günstige Gewerberäume oder Leerstand zum Besetzen finden konnte und Nischen für Wehrdienstverweigerer, Dropouts, Punks und nicht zuletzt Künstler bot.
Nach dem Fall der Mauer konzentrierten sich die Aktivitäten einer sich neu formierenden, regelrecht explodierenden Kunstszene auf die Mitte Berlins. Hier waren es die niedrigen Ost-Mieten, unklare Eigentumsverhältnisse vor dem Abwicklungs-Wahn der Treuhand-Anstalt und nicht zuletzt auch eine Politik, die Ordnungsamt und Polizei eine Zeit lang zu einer gewissen milde gegenüber illegalen Clubs und durchaus auch chaotischen Initiativen anhielt. Wenn auch inoffiziell.
Im Gegensatz zu den meist durch West-Autonome getätigten Polit-Besetzung im Bezirk Friedrichshain, konnte man die moderateren Hausbesetzer aus dem Osten in Prenzlauer Berg und Mitte, allein schon aufgrund ihres Willens und ihrer Initiative, Häuser vor dem Verfall zu retten, gewähren lassen. Auch an der milieumäßigen Aufwertung der neuen Stadtmitte bestand ein reges Interesse. Dabei waren es gerade KünstlerInnen-Initiativen und Projekträume, die sich mit dieser kulturellen Aufwertung einen Bärendienst erweisen sollten. Damals war das Wort Gentrifizierung noch kaum geläufig. Freunde aus München benutzten hier noch gerne das Wort “Schwabingisierung”. Die Aufwertung, die Mär von den niedrigen Ladenmieten und von Berlin als neuem, globalen kulturellen Hotspot lockte bald vor allem Westdeutsche an, die hier mit mehr Geld, bald die Pioniere vertrieben sollten und die Weichen stellten. Das Modell Produzentengalerie wurde bald für einige zum Erfolgsrezept für einen Sprung in den großen Kunstmarkt. Für andere wurde es eine Pleite. Und so kam es, daß nicht-kommerzielle Projekträume bald den kommerziellen Riesen und den explosionsartig gestiegenen Mieten weichen mussten. Die freie Galerienszene verteilte sich bald wieder in den Randlage innerhalb des Berliner S-Bahn Rings. Also zurück nach Kreuzberg, nach Neukölln oder in den Wedding, als günstigen Nachbarbezirk des zum teuersten Viertel Berlins gewordenen Prenzlauer Berg.
Mittlerweile sind aber auch diese Bezirke an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gestossen. Das ehemals sozial abgehängte Neukölln gentrifiziert sich durch bis an den Stadtring und darüber hinaus mit den üblichen Verdrängungs- und Teuerungseffekten. Die Folgen lassen sich beobachten: Die Anzahl der Projekträume in Berlin ist gegenüber ihrer Blüte in den 2000er Jahren um mehr als die Hälfte gesunken. Die einstige Konzentration in der Mitte der Stadt ist einer disparaten Verteilung in Seitenstrassen abgelegener Kieze gewichen, die alternative Kunstszene hat sich provinzialisiert.
Neben den unmittelbaren Folgen von Gentrifizierung, an denen die Kunstszene -willentlich oder auch nur instrumentalisiert- teilhat, muß man auch die Frage stellen, welche unmittelbaren Folgen dies für die Narration der Stadt hat. Gerade Berlin ist eine Stadt, die mit starken Imagekampagnen Stadtbilder heraufbeschwört, eine Mythologie evoziert, die -neben einer extrem verfehlten Liegenschafts- und Treuhandspolitik- ursächlich für eine städtische Entwicklung ist, in der sich die Stadt zu einer komplett kommodifizierten, undurchdringlich verdichteten Oberfläche entwickelt, die sich orientiert an Bedürfnissen der Tourismusbranche und der überproportionalen Imagination einer angeblich unendlich wachtumsfähigen Investorenlandschaft.
Gegenüber diesem Stadtbild, diesem städtischen Diskurs ist eine pluralistische und partizipative Narration der Stadt wichtig. Die Frage, wo Orte für Dissidenz, Devianz und Kritik geblieben sind, ist dabei immer schwieriger zu beantworten. Während sich finanzkräftige Institutionen als Ort für eine „offizielle Kritik“ etablierten, orientierten sich Off-Spaces unter wirtschaftlichem Druck zunehmend an markt-konformen Ausstellungsformaten. Thematische Austellungen waren in der Minderzahl. Tauchten sie auf, dann mehr als Vorwand, denn als tatsächliche Abhandlung von Thematiken. Dabei herrschte lange Zeit eine große Angst, sich Themen auch politisch zu stellen, sich überhaupt gesellschaftlich zu verorten. Dieser Monopolisierung der Diskurse einerseits und Homogenisierung selbiger andererseits, haben wir uns bei der Gründung von GITTE BOHR damals gestellt. Wir finden, daß die Stadt vielfältige Diskurse braucht, die sich einem hegemonialen Stadtkonzept gegenüberstellen, an dem eine Stadt zugrunde geht: Eine wachsende Stadt kann auch schnell zu einer „Shrinking City“ werden. Letztlich entscheiden auch soziale Lebensqualitäten wie Teilhabe und Community, aber auch ästhetische und strukturelle Fragen der Stadtplanung, über die Bewohnbarkeit einer Stadt, nicht nur günstige Mieten. Auch wenn das eine natürlich das andere ein Stück weit bedingt.
Die Frage nach Recht auf Stadt und nach dem Recht auf Zentralität, die die neueren Stadttransformationen seit einiger Zeit in verstärkter Form aufwerfen, ist nicht nur eine Frage der Eigentumsverhältnisse, der städtischen Liegenschaftspolitik oder der Deregulierung des Immobiliensektors zugunsten von Repräsentation und Funktionalismus und zulasten der Bewohn- und Benutzbarkeit der städtischen Oberfläche. Es geht hier auch um Homogenisierungen der städtischen Struktur, auf eine Weise, die sowohl die qualitative Beschaffenheit, sowie Dichte und Permeabilität der städtischen Oberfläche betrifft. Mit anderen Worten: Neben einem Projekt der Privatisierung von Stadträumen einerseits, und repräsentativer Entmenschung andererseits, werden hier Oberflächen geschaffen, die Menschen gewisser sozialer Schichten abstossen, andere aufnehmen soll. Die Menschen in bestimmte Bahnen lenkt oder sie gänzlich fernhält. Hierbei werden die zugewiesenen Flächen homogenisiert. Touristen hier, Einheimische dort, HartzIV-Säufer hier, reiche Müßiggänger dort, gehetzter Geschäftsmann hier, Service-Sklaven dort. Und so weiter und so fort. Dabei überschneiden sich soziale und geografische Randlagen zunehmend. Die reichen Eliten drängen in die Innenstadt, die unteren sozialen Schichten sollen in die Randlagen abgeschoben werden.
Das ist die eine Seite, die andere Seite ist, auf welche Weise Qualitäten städtischen Lebens vor dem Hintergrund der Verdrängung inszeniert werden können. Gerade in der Logik des City-Marketings, des City-Brandings, des Tourismus-Managements und City-Rankings, werden im städtischen Wettbewerb bestimmte Formen von Sichtbarkeit sozialen Lebens wichtig. Hier wird -wie die Soziologin Martina Löw beschreibt- mit Stadtbildern operiert. Das städtische Leben wird einem Bilderregime unterworfen. So basieren die Bilder, die wir von Städten erhalten, auf Inszenierungen, die radikale soziale Konsequenzen billigend in Kauf nehmen. Mehr noch, sie sind essentieller Bestandteil dieses Bilderregimes. Wenn beispielsweise Touristen die Rolle der Bevölkerung spielen, in städtischen Zonen, in denen beispielsweise, außer Servicekräften und fliegenden Händlern eigentlich keine Berliner zu sehen sind. Die Touristen werden dann auf den Bildern zur Repräsentation städtischen Lebens. Mit teilweise extrem agressiven Mitteln wird Unansehnliches von der Oberfläche entfernt, bzw. dazu gebracht, sich selbst zu disziplinieren, zu regulieren und zu entfernen.
Die Frage, welche Rolle selbstorganisierte Projekträume in einer Stadt haben, ob sie eine Existenzberechtigung haben, beantwortet sich also nicht unbedingt mit den allfälligen Antworten über Standortfaktoren und Attraktivität. Projekträume verteidigen und institutuieren auch das Existenzrecht minoritärer Diskurse. Sie distribuieren Möglichkeiten, sich in einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft frei auszudrücken und auch wahrgenommen zu werden. Wir sind der Überzeugung, daß gerade die Kunst ein Ort sein sollte, in dem sich brennende gesellschaftliche Fragen verhandeln lassen. Sie ist Ort der freien Meinungsäußerung und ein Ort für nicht-offizielle Diskurse, für Gesellschaftsanalyse, Kritik oder Protest.
Wenn wir uns also darüber verständigen können, daß in einer demokratischen Gesellschaft die Freiheit der Kunst ein hohes Gut sei, und daß die Stadt für die Menschen da sein soll, die in ihr Leben, ist auch die Politik gefordert, Mittel bereit zu stellen, die Vielfalt, die diese Menschen brauchen auch zu garantieren.
Konkret wären das in Berlin derzeit: Ein Stopp des Ausverkaufs städtischer Liegenschaften, eine Wiedereinführung des Zweckentfremdungsparagrafen für Wohnraum, eine Wiedereinführung des sozialen Wohnungsbaus, eine Durchsetzung des Mietspiegels und ästhetische Auflagen in der Stadtplanung, die undemokratische, segregierende Designs von Stadträumen einschranken auf der einen Seite.
Auf der anderen Seite eine dezentrale und sich an Pluralität orientierende Kultur- und Kunstförderung, die bezahlbare Atelier- und Präsentationsflächen schafft, Vertreibungen verhindert und endlich einsieht, daß eine Konzentration auf Projekte mit Leuchtturm- und Symbolcharakter, die ein artifizielles Stadtbild bedienen, keine interessante Metropole hervorbringt und schon gar keine lebenswere Stadt, sondern eher so etwas wie ein potemkinsches Dorf.

 

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