Juliane Rebentisch — 26 APRIL — Erfahrung und Entgrenzung

Am 26. April zu Gast:

Juliane Rebentisch
Erfahrung und Entgrenzung

Entgrenzung und Erfahrung sind Begriffe, die in den letzten Jahren ins Zentrum kunsttheoretischer Debatten um das Verständnis der Gegenwartskunst gerückt sind. Nun konzentriert sich der eine der beiden Begriffe, der der Entgrenzung, eher produktionsästhetisch auf die neuartigen Formen, die die Kunst seit den sechziger Jahren annimmt, während der andere, der der Erfahrung, eher rezeptionsästhetisch die Wirkungen fokussiert, die von der Kunst ausgehen. Der Vortrag wird jedoch zeigen, wie eng beide Diskussionen miteinander verzahnt sind. Anhand von zwei besonders einflussreichen Texten – Umberto Ecos „Die Poetik des offenen Kunstwerks“ und Rüdiger Bubners „Über einige Bedingungen gegenwärtiger Ästhetik“ soll dieser Zusammenhang näher erhellt werden.

Juliane Rebentisch ist Professorin für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Ästhetik, Ethik, politische Philosophie. Veröffentlicht hat sie u.a.: Ästhetik der Installation (Suhrkamp 2003)/Aesthetics of Installation Art (Sternberg 2012); Kreation und Depression. Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus (hg. mit Ch. Menke, Kadmos 2010); Die Kunst der Freiheit. Zur Dialektik demokratischer Existenz (Suhrkamp 2012).

Judith Siegmund — 28 JAN — Kann Kunst heute politisch sein?

Am 28. Januar begrüßen wir – diesmal in Raum 11:

Judith Siegmund
Kann Kunst heute politisch sein?

Die Autonomieforderung, mit der die Kunst sich aus vielerlei Gründen bis
heute konfrontiert sieht, bietet einen engen Rahmen, innerhalb dessen sich eine politische Wirksamkeit der Kunst ausloten lässt. Dem steht der Anspruch einiger KünstlerInnen gegenüber, durch ihre Arbeiten eine direkte politische Wirkung auszuüben.

Judith Siegmund möchte zunächst einige Theorien der Politikfähigkeit autonomer Kunst vorstellen und dann zu der Frage kommen, ob sich im Ganzen das Szenario der Kunst im Verhältnis zum Gesellschaftlichen verschoben hat, so dass eine grundsätzlich neue  Beschreibung notwendig wird. Eine solche Beschreibung würde der Kunst einen größeren Spielraum im Politischen zugestehen. Dies wiederum verändert den Begriff ihrer Autonomie.

Judith Siegmund, geb. 1965, arbeitet als Künstlerin und Kunsttheoretikerin und lehrt an der Universität der Künste in Berlin. Ihre Arbeit ist partizipatorisch angelegt. Protagonisten und Protagonistinnen ihrer Projekte sind oft Menschen, die in gesellschaftlichen Randzonen leben, die über ihre Schicksale, Lebenssituation, Träume, Hoffnungen und Ängste berichten. Die Künstlerin verwendet dabei verschiedenen Medien, wie Fragebögen, Interviews, Videoaufnahmen, Transparente. Neben zahlreichen Ausstellungsbeteiligungen hält Judith Siegmund regelmäßig Vorträge und publiziert Texte im Bereich Ästhetik / Phänomenologie der Kunst / politischer Theorie sowie über Kunsttheorie und -praxis. Ihre Monografie „Die Evidenz der Kunst. Künstlerisches Handeln als ästhetische Kommunikation“ erschien 2007 im Transcript Verlag, Bielefeld.
Den Vortrag begleitend haben wir unseren Semesterapperat weiter bestückt!

 

Jens Dietrich — 17 JAN — Aussetzen und Überschreiten

Am 17. Januar geht es weiter:

Jens DietrichAussetzten und Überschreiten

Es wird um das Verhältnis von Kritik und Praxis, von Bewertung aus der
Distanz und Partizipation als sich gegenseitig bedingende Vorgänge gehen.

Darum, dass es zur Analyse einer gesellschaftlichen Situation notwendig ist,
die Positionen und Absichten der beteiligten Akteure im sozialen Feld
nachzuvollziehen. Und dass es wiederum für diese Rekonstruktion grundlegend

ist, den eigenen Standpunkt temporär auszublenden, um dann im Moment
der Aufführung eine neue Situation zu schaffen, in der die Widersprüche
des repräsentierten Konflikts nachvollziehbar werden und eine Positionierung
des Zuschauers provozieren.
Konkret wird das International Institute of Political Murder erläutert, die
sich mit dem ruandischen Genozid, der rumänischen Revolution und dem
russischen Kunst-Religion-Konflikt beschäftigten.

Kein Masterplatz für dich!

Im Zuge der Bologna-Hochschulreform wurde auch an der HFBK ein kunstspezifisches Bachelor-/Mastersystem eingeführt. Die Umstellung auf das neue System geht an vielen Universitäten mit Anwesenheitspflicht, einer bestimmten Stundenanzahl „Workload“, enormer Effizienzdruck, der Selektionsschranke (fast schon Aussiebung) zwischen  Bachelor und Master und vielen anderen Aspekten einher. Die erhofften Ziele der Umstellung (Mobilität, geringere Abbrecherquoten, qualifizierte Berufsfrüheinsteiger, u.a.) wurden größtenteils nicht erreicht und überall wird der Ruf nach Abschaffung laut.
Aktuell thematisieren wir in der Studierendenschaft, als auch mit den Professor_innen und dem akademischen Mittelbau im Senat: „Was hat das alles mit Kunst zu tun?“

Die Fakten an der HFBK

Bisher fordert das BA/MA-System an der HFBK das Sammeln von Credit Points, die bestimmten Modulen entsprechen müssen. Die Regelstudiendauer wurde auf acht (BA), bzw. vier (MA) Semester begrenzt. Es entsteht nicht nur Zeitdruck, sondern auch  Leistungsdruck: Der Übergang von BA auf MA ist keine Fortsetzung, sondern ein Wettbewerb. Aktuell können die Professor_innen jedes Jahr nur zwei Masterplätze vergeben. Dazu ist es fast unmöglich, einen Master an einer anderen deutschen Kunsthochschule zu machen: der Großteil der Hochschulen hat sich gegen das BA/MA-System entschieden! Eine Anwesenheitspflicht gibt es bisher noch nicht. Dieses Prinzip könnte sich aber bald schon verselbstständigen.
Das BA/MA System verfolgt – auch an der HFBK – den Gedanken einer effizienteren, abprüfbaren, unkritischen Elite-Ausbildung. Es bewirkt einen schleichenden Prozess der Einmischung wirtschaftlicher Interessen in die ehemals freie und unabhängig Bildung. Die Entwicklung zu BA/MA resultiert in mehr Abschlüssen und weniger Bildung.
Daran muss etwas geändert werden!

Zur künstlerischen Realität

All dies wird in keiner Weise den unzähligen individuellen Arbeitsweisen, Präferenzen und Notwendigkeiten einer Kunsthochschule gerecht!
Wo passt Kunst mit Effizienz zusammen? Wo mit Kontrolle? Lässt sich die Qualität eines Künstlers überhaupt bestimmen? Wie kann es sein, dass die Studienzeit für alle Studierenden standardisiert ist, unabhängig von Studienfach und persönlichem Entwicklungsgrad? Von älteren Studierenden lernen Neuanfänger_innen vieles schneller – warum diesen Teil eines Wissenspools absondern, bevor die Jüngeren von ihm profitieren konnten? Entsteht durch das wachsende Übermaß an minderer Qualität nicht auch ein schlechter Ruf für eine Hochschule und kann dieser durch eine kleine Masterelite überhaupt wieder kompensiert werden?
Ein Kunststudium lässt sich nicht in Credits umrechnen und ist schwierig auf acht bzw. vier Semester zu begrenzen. Vielmehr fordert das Studium eine reflektierte selbstbestimmte Studiendauer! Unsere künstlerische Zukunft ist ohnehin schon von Wettbewerb und Konkurrenz geprägt, warum dies zusätzlich in der Kunsthochschule fördern und begünstigen?

Forderungen / Ideen

Die Abprüfbarkeit durch Credit Points muss wieder abgeschafft werden. CP belasten das Verhältnis zwischen Studierenden und Lehrenden. Als zwischen geschaltetes Kontrollinstrument zerstören sie beiderseits das Vertrauen und das Interesse in die Lehre.
Ist es möglich, den Bachelor-Abschluss als Vordiplom zu handhaben und fließend in den Master übergehen zu lassen? BA und MA könnten als ein Studienprogramm gesehen werden, wie es zum Beispiel in Stockholm der Fall ist.
Für alle Bachelor-Absolvent_innen, welche an der Schule ihren Master machen möchten,
muss es ausreichend Masterstudienplätze geben. Bachelor ist nicht gleich Diplom und wird es auch nie werden. Erst mit der Studiendauer von Bachelor UND Master ist man angehend so weit, einen künstlerischen Abschluss machen zu können.
Es gibt noch viel mehr Änderungspotential, über das wir alle gemeinsam nachdenken
müssen.

Für alle:
Wer sich in einer Arbeitsgruppe (bestehend aus Professor*innen, akad. Mittelbau und Studierenden) beteiligen möchte, bitte beim AStA melden. Das nächste Treffen der AG wird voraussichtlich stattfinden am: 10. Januar 2013 um 15 Uhr
Derzeit diskutiert die AG über die Situation an der HfBK und will dafür keine kurzfristige Lösung suchen, sondern die Thematik hochschulweit öffnen und zur Diskussion stellen.
Wer sich aktiv an der Überdenkung und Umstrukturierung des Systems beteiligen möchte: Bitte zur AG kommen!

Die Vertreter_innen der Studienschwerpunkte
und der AStA der HfbK

Gitte Bohr — 23 NOV — Kunst, Kritik, Stadtpolitik

am 23. November zu Gast:

Gitte Bohr
Club für Kunst und politisches Denken

Kunst, Kritik, Stadtpolitik

Nach der dritten Welle der Institutionskritik, in der sich Diskurshoheit auf Kunstinsitutionen verschob und diese zu den kritischen Organen ihrer selbst wurden, stellt sich die Frage der künstlerischen Positionierung und Autonomie neu. Die Integration kritischer Diskurse in Bereiche der Kultur- und Stadtpolitik hat es inzwischen schwer gemacht, sich antagonostisch gegenüber stehende Positionen überhaupt noch aufzuzeigen. So findet in Berlin gerade ein -durch die städtische Raumpolitik verschärfter- Prozess statt, in dem Künstlerinitiativen, Berufsverband und Gewerkschaft existentielle Fragen an die städtische Politik adressieren. Die Stadt reagiert mit Partizipationssymbolik und versucht, Künstler mit Hilfe von PR-Agenturen und Strategieentwicklern in eine neoliberale Stadtpolitik einzubeschließen. Die Notwendigkeit von Orten autonomer Kritik scheint sich so auf’s Neue zu bestätigen.
Gitte Bohr ist in einer schier unübersichtlich florierenden Szene von unabhängigen Projekträumen, Produzentengalerien und Künstlerinitiativen in Berlin einer der wenigen Orte, die sich ausschließlich der Präsentation kritischer Kunst widmen und der einzige, der sich explizit politisch verortet. Wir versuchen, die Galeriematrix zu überwinden, die sich als normalisierende Kraft selbst in Kunstorten breitmacht, die von einer Transition von Alternative Space zu Commercial Gallery nicht einmal träumen können. Gitte Bohr versucht Präsentationsstandards zu entgrenzen und die Diskussion über Kunst oder mit Kunst über brennende Probleme unserer Zeit ins Zentrum zu setzen.

Marcus Steinweg — 16 NOV — Was ist Kritik?

Was ist Kritik?

Wir erwarten von der Kunst, dass sie kritisch ist: institutionskritisch, gesellschaftskritisch, kunstkritisch, etc. Zugleich gibt es keine Kunst, die sich in der Kritik erschöpft. Noch die kritischste Kunst trägt affirmative Züge. Wie also die Kompossibilität – das Zusammenspiel – von Kritik und Affirmation denken? Es ist an der Zeit die allzu schlichte – oder allzu unkritische – Binarität von Kritik und Affirmation zu komplizieren: durch eine Revision und Redefinition des Begriffs Kritik.

16.11.12 HfbK Wartenau 15 Aula 19 Uhr

Fahim Amir — 26 OKT — Performance als Roundhouse-Kick

Performance als Roundhouse-Kick
Von Irritainment, Errorismus und politischer Kunst in Wien

Von 2009-2011 bestand das Performance-Duo Dolce & Afghaner, das sich in unterschiedlicher Weise am Thema Kunst, Politik und Aktivismus übte. Im Vortrag wird ästhetische Strategie und Praxis der “Pipi”-Aktivisten (Kronen-Zeitung) zwischen institutionellen und selbstorganisierten Räumen vorgestellt.

Fahim Amir ist afghanischer Philosoph an der Akademie der bildenden Künste Wien. Unter unterschiedlichen Alter Egos ist Amir fallweise in künstlerischen, kulturellen und politischen Zusammenhängen aktiv.

Wartenau AULA, 26. Oktober, 19 Uhr